Was ist ein Reallabor? Von A bis Z erklärt
Wie sieht ein typischer Tag im Quartier Zukunft aus? Was motiviert unser Team? Und wie viel Wissenschaft steckt eigentlich in einem Reallabor? Auf unserem Blog und auf unserem Instagram-Account nehmen wir euch in den kommenden Wochen ein Stück mit in unseren Arbeitsalltag. In alphabetischer Reihenfolge zeigen wir euch verschiedene Themen, die dem Quartier Zukunft besonders am Herzen liegen.
Den Anfang bildet A wie Arbeiten im Reallabor. Denn, auch wenn es nicht wie ein klassisches Labor wirkt, das Quartier Zukunft ist ein Reallabor. Wir sind eine wissenschaftliche Einrichtung des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) und wir sind mitten in der Gesellschaft – außerhalb des Campus – aktiv. Was ein Reallabor genau ist und was wir für die Forschung und die Gesellschaft tun, fassen wir in diesem Blogbeitrag für euch zusammen.
Der Begriff Reallabor bezeichnet nach wissenschaftlichem Verständnis „eine transdisziplinäre Forschungs- und Entwicklungseinrichtung, die dazu dient, in einem räumlich abgegrenzten gesellschaftlichen Kontext Nachhaltigkeitsexperimente durchzuführen, Transformationsprozesse anzustoßen und wissenschaftliche wie gesellschaftliche Lernprozesse zu verstetigen“ (Parodi/Steglich 2021: 256).
Vereinfacht gesagt bedeutet das, ein Reallabor ist eine Einrichtung, in der Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam an zukunftsgerichteten Themen arbeiten. Forschung und Praxis sind dabei eng verzahnt, sodass Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Bürgerschaft die Prozesse auf Augenhöhe mitgestalten. Institutionen, Verbände, Hochschulen und Bürger:innen entwickeln auf diese Weise zusammen innovative Möglichkeiten für ein nachhaltiges Leben.
Insgesamt gibt es neun charakteristische Merkmale, die ein Reallabor erfüllen muss:
1) Forschungsorientierung: Eines der wichtigsten Ziele von Reallaboren ist es, Wissen hervorzubringen, das für die Zukunft nützlich ist. Wir zum Beispiel wollen Wissen darüber sammeln, wie ein Stadtquartier gemeinschaftlich nachhaltig leben kann.
2) Transformativität und Gestaltung: Neben Wissen liefern Reallabore auch konkrete, praktische Beiträge für eine Nachhaltige Entwicklung. Das können Aktionen und Projekte sein, in bestimmten Fällen auch Produkte und Innovationen.
3) Normativität und Nachhaltigkeit: Im Gegensatz zu vielen Naturwissenschaften sind Reallabore nicht neutral, sondern verfolgen bewusst gesellschaftliche Werte, sie sind also normativ orientiert. Konkret stützen sich Reallabore auf eine nachhaltige Entwicklung als gesellschaftliche Norm und zeigen offen, welche Aktivitäten sich an dieser Wertvorstellung orientieren.
4) Transdisziplinarität und Partizipation: Die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Gesellschaft ist das zentrale Element von Reallaboren. Dabei geht es sowohl um den wissenschaftsbezogenen Austausch von Forschenden mit gesellschaftlichen Akteur:innen (Transdisziplinarität), als auch um vielfältige Formate, in denen Bürger:innen eigene Ideen in den Prozess einbringen können (Partizipation). Wie das bei uns im Quartier Zukunft aussehen kann, lest ihr zum Beispiel in unserem Blogbeitrag zum Thema Wissenschaft kennenlernen und mitgestalten.
5) Zivilgesellschaftliche Orientierung: Dieses Merkmal hebt hervor, dass insbesondere zivilgesellschaftliche Akteur:innen (Anwohner:innen, Vereine, etc.) an Reallaboren teilhaben sollen, nicht etwa nur Unternehmen und Behörden.
6) Modellcharakter: Die in Reallaboren entwickelten Prozesse sollen prinzipiell auf andere Beispiele oder Regionen übertragen werden können.
7) Langfristigkeit: Nach Möglichkeit soll ein Reallabor über viele Jahre aktiv sein, um die angestrebten Ziele erreichen zu können und Prozesse aktiv mitgestalten zu können.
8) Laborcharakter und Experimentierraum: Ein Reallabor soll auch ein Ort sein, um neue Ideen auszuprobieren und zu testen.
9) Bildung: Auch wenn Bildung nicht der Hauptfokus von Reallaboren ist, sollen sie das gesammelte Wissen und Erfahrungen weitergeben und entsprechende Angebote einrichten.
[Zusammenfassung aus: Parodi, Oliver/Steglich, Anja (2021). Reallabor. In: Tobias Schmohl/ Thorsten Philipp (Eds.), Handbuch Transdisziplinäre Didaktik (255-266). Bielefeld: transcript Verlag, Seite 256. doi.org/10.14361/9783839455654-024]
Die Reallabor-Arbeit kann also verschiedene Aspekte und Inhalte betreffen. Das Quartier Zukunft bewegt sich beispielsweise im Bereich der nachhaltigen Stadtentwicklung. Wir wollen gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Karlsruher Oststadt das gute Leben von Morgen ausprobieren. Wie funktioniert nachhaltige Nachbarschaft? Welche Aktionen, Verbände und Initiativen können wir vernetzen? Und was macht ein nachhaltiges Stadtviertel mit guter Lebensqualität eigentlich aus?
Durch vielseitige Ansätze wollen wir Themen erforschen, weiterentwickeln und ausprobieren, die für ein nachhaltiges Stadtviertel wichtig sind. Unser Anspruch ist, das städtische Leben als Ganzes zu betrachten: von Wohnen, über Mobilität, Soziales, Ernährung, Arbeit und Freizeitgestaltung soll kein Aspekt vergessen werden. Dafür brauchen wir die Hilfe von den verschiedensten Akteur:innen aus dem Quartier. Bewohner:innen, Vereine, Initiativen bringen sich aktiv ein, teilen mit uns Ideen oder erarbeiten mit uns neue Lösungen.
Unser verwandtes Reallabor KARLA hingegen fokussiert sich auf fünf bestimmte Themenbereiche, unter anderem auf klimafreundliche Kantinen. Dafür arbeitet das wissenschaftliche KARLA-Team eng mit rund 30 Karlsruher Betriebsrestaurants zusammen, um Speisepläne, Lieferketten und To Go-Angebote nachhaltiger zu gestalten.
Quartier Zukunft, KARLA und die dazugehörigen Experimente sind nur wenige Beispiele dafür, wie Reallabor-Arbeit aussehen kann. Der Arbeitsalltag ist unglaublich vielfältig! Einen typischen Arbeitstag im Quartier Zukunft gibt es deshalb kaum. Jedes Projekt-Team verfolgt andere Methoden, Aufgaben und Ziele. Einmal pro Woche trifft sich dann das gesamte Quartier Zukunft-Team zur Besprechung. Dabei werden Erfahrungen ausgetauscht, Aufgaben verteilt und schon starten wir mit unseren vielfältigen To Dos:
- Forschungsprojekte planen, betreuen und auswerten
- Sich mit externen Personen, Initiativen oder Partnern austauschen
- Daten sammeln und aufbereiten
- Berichte schreiben
- Tools oder Materialien entwickeln
- Den Lastenrad-Verleih koordinieren
- Veranstaltungen organisieren
- Fachvorträge vorbereiten
- Ideen sammeln
Und vieles mehr!
In den nächsten Wochen teilen wir mit euch auf Instagram und Facebook noch mehr spannende Einblicke, Infos und Geschichten. Wir sprechen beispielsweise über Projekt-Highlights, erklären Fachbegriffe, blicken auf Nachhaltigkeitsthemen und das Arbeiten in der Wissenschaft.
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Zum Hintergrund
Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) besteht aus mehreren Instituten. Eins davon ist das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS). Am ITAS ist das Karlsruher Transformationszentrum (KAT) beheimatet, das wiederum das Reallabor Quartier Zukunft betreibt.



