Fünf Jahre nach „FutureFiction“: Wir blicken zurück in die Zukunft
Wie könnte eine Welt der Zukunft aussehen, in der die Klimakrise nachhaltig aufgehalten wurde? 2021 haben sich junge Autorinnen und Autoren im Rahmen unseres Kurzgeschichten-Wettbewerbs „FutureFiction – Geschichten für die Zukunft“ genau diese Frage gestellt. Wir wollten zusammen mit euch Zukunftsvisionen einmal positiv denken und freuten uns damals über eine große Resonanz und zahlreiche inspirierende Einsendungen.
Heute, fünf Jahre später, lohnt sich der Blick zurück. Wir haben uns gefragt, was aus den Gewinner:innen des Kreativwettbewerbs und ihren Zukunftsvisionen geworden ist und konnten zwei von ihnen für diese Rückschau gewinnen.
Zwei Visionen einer nachhaltigen Welt
Pia Marie Hegmann reichte damals ihre „FutureFiction“-Geschichte mit dem Titel „Utopie aus drei Perspektiven“ ein. Darin beschreibt sie, wie der Alltag verschiedener Personen in einer solchen positiven Zukunft aussehen könnte. Eine ganz besondere Komik verleiht sie ihrer Vision, indem sie sich auch in einen frustrierten Klimawandel-Leugner hineinversetzt.
Pia ist es zunächst schwergefallen, einen Aufhänger für eine Geschichte zu finden, die von etwas durchweg Positivem erzählt. „Ich fand dann die Idee lustig, die Perspektive einer Figur zu nehmen, für die eben nicht alles gut ist – und mich ein bisschen über das Meckern aus Prinzip lustig zu machen“, sagt sie heute über ihren Text und die „kleine Anspielung auf einen gewissen Politiker“.
Kajsa Wysujacks Geschichte „Maigeschenk“ kam tatsächlich völlig ohne ein narratives Problem aus: Sie beschreibt einen Marktbesuch im Frühsommer einer utopischen Zukunft, fokussiert sich dabei auf die sinnlich-ästhetische Wahrnehmung der Erzählerin. Man verliert sich für einen Augenblick im duftenden, strahlenden und lebendigen Lüneburg ihrer Zukunftsvision. Dort hat Kajsa zur Zeit des Wettbewerbs gelebt und die Stadt, die sie als „sehr progressiv und zukunftsorientiert“ wahrnimmt, habe sie zu ihrer Geschichte inspiriert. Lüneburg habe ihr damals aufgezeigt, „dass Transformation kein gewaltsamer Prozess sein muss, sondern inklusiv und sanft Lebensrealitäten positiv verändern kann.“
Die Utopie nie aus den Augen verloren
Pia erinnert sich, dass sie sich nach der intensiven Beschäftigung mit positiven Zukunftsbildern zunächst fast „ein bisschen zu entspannt“ gefühlt habe – bis die Realität sie mit neuen dystopischen Nachrichten wieder einholte. Da habe es ihr geholfen, die Utopien im Kopf zu behalten: „Inzwischen fällt es mir leichter, nicht nur an künftige Katastrophen zu denken, sondern auch daran, was gut laufen könnte und wie das alles zusammenkommt.“
Auch ihr eigenes Engagement habe sich seitdem verändert. Einige Jahre lang war sie bei Fridays for Future aktiv, heute setzt sie stärker auf den persönlichen Austausch mit Menschen und konkrete Lösungsansätze. Ganz praktisch wird es etwa aktuell bei einem ungewöhnlichen Projekt: Gemeinsam mit Freundinnen und einer Bürgerenergiegenossenschaft gestaltet sie den Sockel eines Windrads künstlerisch neu. Ein Ort, der früher umstritten war, soll so zu einem identitätsstiftenden Denkmal werden. „Übrigens schreiben wir auch sehr kurze utopische Texte darauf“, sagt sie und lacht.
Pia ist auch heute noch eine optimistische Person, doch trotzdem sieht sie auch die Herausforderungen unserer Zeit, verweist auf klimapolitische Rückschritte und Debatten um fossile Rohstoffe. Aber sie sieht darin zugleich einen Hoffnungsschimmer: Technologisch sei die Energiewende vielerorts längst möglich, oft mangele es eher am politischen Willen als an der Umsetzbarkeit.
Künftige Schwierigkeiten sieht sie vor allem im Wandel des alltäglich Scheinenden: steigende Lebensmittelpreise, immer lebensfeindlicher werdendes Klima und damit einhergehende Probleme wie neue Krankheiten. „Aber ich glaube trotzdem daran“, ergänzt Pia, „dass wir wenigstens einen Teil dieser Utopie umsetzen werden.“
Zwischen Glücksgefühlen und politischem Realismus
Kajsa Wysujack zeigt sich erfreut über die bereits stattfindende gesellschaftliche Transformation in Bezug auf Landwirtschaft, Tierwohl und nachhaltige Ernährung. Ihre grundsätzlich positive Haltung ordnet sie allerdings realistisch-pragmatisch ein: „Zentrale Hebel für nachhaltige Ernährungssysteme sind und bleiben nationale und transnationale Governance-Mechanismen, die von politischem Willen abhängen. In Angesicht von steigendem Zuspruch zu Autoritarismus und einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Militarisierung wäre es unter dieser Prämisse illusorisch zu glauben, dass sich nachhaltige Themen gegen emotionalisierte Sicherheitsdiskurse auf der Agenda behaupten können.“
Kajsa ist auch heute noch davon überzeugt, dass „narrative Techniken und kunstbasierte Ansätze als affektive Kraft für nachhaltige Bildung und gemeinsames Utopie-Denken essentiell sind“ – und dieses Interesse an einer positiven Zukunft zeigt sich nicht zuletzt in ihrem beruflichen Werdegang. So hat sie aktuell ein Master-Studium in Friedens- & Konfliktforschung begonnen und arbeitet als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl "PEASEC" der TU Darmstadt für Friedensinformatik.
Privat interessiert sich Kajsa aktuell etwa für „True Cost Accounting“: das Sichtbarmachen versteckter Kosten in der Lebensmittelherstellung (und darüber hinaus auch im menschlichen Handeln generell). Für all diejenigen, die der Frage auf den Grund gehen wollen, was ihre Ernährung wirklich kostet, empfiehlt sie die Webseite des EU-Netzwerks „True Cost Alliance“, das einen Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und der Öffentlichkeit ermöglicht.
Warum wir noch immer Utopien brauchen
Fünf Jahre nach dem Wettbewerb FutureFiction zeigt sich: Die damaligen Texte waren mehr als Momentaufnahmen. Sie haben Denkweisen angestoßen, Perspektiven eröffnet und wirken bis heute nach. Vielleicht liegt genau darin die große Stärke von Utopien: Sie sind keine fertigen Baupläne, sondern Denkräume. Sie erlauben es, Möglichkeiten zu erkunden, ohne die Realität auszublenden.
Die Fragen, die FutureFiction aufgeworfen hat, sind aktueller denn je. Klimakrise, gesellschaftlicher Wandel, politische Herausforderungen – all das verlangt weiterhin nach neuen Ideen und Erzählungen. Die Zukunft braucht Geschichten. Und Menschen, die bereit sind, sie zu erzählen.
Zum Wettbewerb „FutureFiction – Geschichten für die Zukunft“





